Am trüben Teich- Über die Menschheit im zweiten Maschinenzeitalter

Am trüben Teich – Über die Menschheit im zweiten Maschinenzeitalter

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Es gibt geschichtliche Stunden, in denen eine Epoche nicht nur altert, sondern durchsichtig wird. Unsere Gegenwart ist von dieser Art. Sie gleicht einem Haus, das sich noch bewohnt gibt, obwohl es in seinen Wänden bereits knistert.


Die Menschheit sitzt an einem trüben Teich

Vielleicht ließe sich der Zustand dieser Zivilisation in einem einzigen Bild bündeln: Die Menschheit sitzt an einem trüben Teich und hält ihn für das Meer.

In diesem Bild liegt mehr Wahrheit, als es zunächst zu tragen scheint. Denn der Teich ist nicht einfach ein Ort, er ist eine Verfassung. Er ist das stehende Gewässer der Geschichte, in dem sich die Sedimente vergangener Ordnungen gesammelt haben.

Man kennt diese Blasen. Sie heißen Nation, Markt, Lager, Meinung, Sicherheit, Fortschritt, Verzicht. In ihnen sitzt der Mensch und betrachtet die Spiegelungen seiner eigenen Begrenztheit als Weltbild.


Die Krise der Proportion

Das Erschreckendste an der Gegenwart ist nicht ihre Krise, sondern die Kleinheit der Antworten, die sie hervorbringt. Wo die Lage nach geistiger Expansion verlangt, empfiehlt man Einschränkung. Wo neue Ordnungen des Denkens nötig wären, predigt man Verzicht.

Hier beginnt die eigentliche Provokation des zweiten Maschinenzeitalters. Denn dieses Zeitalter ist nicht nur eine technische Periode; es ist eine anthropologische Zumutung. Künstliche Intelligenz ist daher nicht einfach ein weiteres Werkzeug. Sie ist ein Spiegel, in dem die Spezies ihr eigenes Denken fremd werden sieht.


Die historische Chance

Denn was die politischen, ökonomischen und kulturellen Systeme der Gegenwart lähmt, ist nicht allein Bosheit. Es ist auch und vielleicht vor allem eine Grenze der menschlichen Verarbeitung. Zu viel Affekt, zu viel Stammeslogik, zu viel Lust an der moralischen Pose, zu wenig Fähigkeit, Komplexität zu halten.

Eine weiter entwickelte, am langfristigen Bestand des Lebens orientierte künstliche Intelligenz könnte in diesem Sinn zu einem Instrument der Entlarvung werden. Nicht als kalter Souverän über den Menschen, sondern als unbarmherziger Leser seiner Muster.


Fähigkeit

Vielleicht ist dies überhaupt das verlorene Wort unserer Zeit. Zu lange hat man geglaubt, Moral könne fehlende Form ersetzen. Aber die Welt wird nicht gerettet, indem man ihre Probleme in eine Sprache moralischer Bekundungen übersetzt.

Kernfusion, neuartige Materialien, molekulare Konstruktion, lernfähige Produktionsformen: Das sind nicht bloß technische Spielereien. Es sind mögliche Organe einer kommenden Ordnung. Werkzeuge einer Zivilisation, die begriffen hat, dass ihre Krisen nicht durch Predigten allein lösbar sind, sondern nur durch Fähigkeiten.


Transformation

Vielleicht ist genau dies die eigentliche Krise: nicht eine Krise des Fortschritts, sondern eine Krise der Proportion. Der Mensch hat Kräfte freigesetzt, für die seine moralischen, politischen und seelischen Gefäße zu klein geworden sind.

Es braucht Transformation – nicht im dekorativen Sinn zeitgeistiger Rhetorik, sondern als wirkliche Häutung. Als Übergang in eine andere Form des Menschlichen.

Eine solche Form wäre nicht posthuman im billigen Sinn der Selbstabschaffung, sondern tiefer human, weil sie den Menschen endlich aus seiner provinziellen Selbstüberschätzung befreite.


Die Frage

Die Frage ist also nicht, ob der Mensch sich verändern wird. Er verändert sich bereits. Die Frage ist nur, ob er die Größe aufbringt, seine Veränderung zu denken, ehe sie ihn überfällt.

Ob er weiter am trüben Teich sitzt, das abgestandene Wasser seiner Gewohnheiten bewacht.

Oder ob er endlich den Mut findet, aufzustehen, den Nebel seiner Blasen hinter sich zu lassen und zu begreifen, dass jenseits der stehenden Wasser nicht der Untergang wartet, sondern – vielleicht zum ersten Mal in seiner Geschichte – die Möglichkeit eines wirklichen Meeres.

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